Ratgeber · Strafverfahren

Vorwurf im Sexualstrafrecht – die ersten Schritte als Beschuldigter

Was Sie jetzt wissen müssen, bevor Sie reagieren

Lesezeit ca. 8 Min.Für Beschuldigte in Bochum & RuhrgebietKanzlei Schumann & Rasch
Ein Vorwurf aus dem Sexualstrafrecht trifft Betroffene in der Regel völlig unvorbereitet. Es geht um den guten Ruf, die Familie und den Beruf – und häufig steht Aussage gegen Aussage. Gerade deshalb entscheiden die ersten Tage über den weiteren Verlauf: Was Sie jetzt sagen, schreiben oder löschen, wirkt sich später auf das gesamte Verfahren aus. Dieser Ratgeber erklärt, wie Sie sich als Beschuldigter richtig verhalten und warum eine frühe, ruhige Verteidigung so wichtig ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Sagen Sie nichts zur Sache – auch nicht, um ein „Missverständnis“ aufzuklären (§ 136 Abs. 1 StPO).
  • Nehmen Sie keinen Kontakt zur anzeigenden Person auf, weder direkt noch über Dritte.
  • Lassen Sie zuerst von einem Verteidiger die Akte einsehen (§ 147 StPO). Erst dann lässt sich die Beweislage einschätzen.
  • Löschen Sie nichts, sprechen Sie mit Dritten nicht über den Vorwurf und äußern Sie sich nicht in sozialen Medien.

1Was jetzt geschieht

Nach einer Anzeige ermittelt die Polizei, in der Regel das zuständige Fachkommissariat, unter der Leitung der Staatsanwaltschaft. Sie erfahren davon meist durch eine Vorladung, einen Anhörungsbogen oder durch eine Durchsuchung. Zu den typischen Vorwürfen gehören sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung (§ 177 StGB), sexuelle Belästigung (§ 184i StGB) oder Vorwürfe zum Schutz von Kindern, etwa nach § 176 StGB.

Gerade in diesem Bereich gilt: Ein Ermittlungsverfahren ist kein Urteil. Aber die Folgen sind schon während der Ermittlungen spürbar, und die Ermittler verfahren oft gründlich. Umso wichtiger ist es, von Anfang an strukturiert und überlegt zu handeln.

2Keine Angaben zur Sache

Als Beschuldigter haben Sie das Recht zu schweigen (§ 136 Abs. 1 StPO), und aus dem Schweigen dürfen keine nachteiligen Schlüsse gezogen werden. Der verständliche Wunsch, die Dinge sofort richtigzustellen, ist das größte Risiko. Jede Aussage wird protokolliert, mit anderen Angaben abgeglichen und kann später gegen Sie verwendet werden – etwa wenn kleine Abweichungen zwischen zwei Schilderungen auffallen.

Das gilt auch für scheinbar harmlose Erklärungen am Telefon, für spontane Nachrichten an Bekannte und für Gespräche mit der Polizei „nur zur Einordnung“. Nach Akteneinsicht kann Ihr Verteidiger entscheiden, ob eine schriftliche Stellungnahme sinnvoll ist.

3Aussage gegen Aussage: Warum die Akte alles entscheidet

In vielen Verfahren gibt es keine unbeteiligten Zeugen und keine objektiven Spuren. Dann hängt das Ergebnis davon ab, wie das Gericht die Aussage der anzeigenden Person und Ihre eigene bewertet. Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs verlangt eine solche Konstellation eine besonders sorgfältige Beweiswürdigung: Das Gericht muss prüfen, ob die Schilderung in sich stimmig, detailreich und über die Zeit konstant ist und ob es Gründe für eine Falschbelastung gibt.

Genau hier setzt die Verteidigung an. Sie wertet Aussagen, Chatverläufe, Zeitabläufe und frühere Schilderungen aus und prüft, ob sich Widersprüche oder Erklärungen ergeben. Das ist nur mit vollständiger Akte möglich – deshalb kommt die Akteneinsicht vor jeder Aussage.

4Einen spezialisierten Verteidiger einschalten

Sie können sich in jeder Lage des Verfahrens von einem Verteidiger vertreten lassen (§ 137 StPO). Im Sexualstrafrecht kommt es auf Erfahrung im Umgang mit Aussagepsychologie, Beweisanträgen und der Kommunikation mit Staatsanwaltschaft und Gericht an. Der Verteidiger zeigt die Verteidigung an, beantragt Akteneinsicht (§ 147 StPO) und tritt gegenüber den Ermittlern an Ihrer Stelle auf.

Beachten Sie, dass auch die anzeigende Person häufig anwaltlich vertreten ist und über einen Rechtsanwalt Akteneinsicht erhalten kann (§ 406e StPO). Umso wichtiger ist es, dass die Beschuldigtenseite informiert und vorbereitet ist.

5Kommunikation: Wer darf was erfahren?

Sprechen Sie mit Freunden, Kollegen und Bekannten nicht über den Vorwurf. Diese Personen können als Zeugen vernommen werden und müssen dann aussagen. Ein Zeugnisverweigerungsrecht haben nur nahe Angehörige, etwa Ehepartner (§ 52 StPO); auch dort sollten Sie sich vorher beraten lassen. Gespräche mit Ihrem Verteidiger sind dagegen vertraulich.

Verzichten Sie auf Beiträge in sozialen Medien und auf Chatnachrichten zum Thema. Alles, was Sie schreiben, kann als Beweismittel in die Akte gelangen. Löschen Sie bestehende Nachrichten nicht – das erweckt den Eindruck, Sie wollten etwas verbergen, und kann Ihre Position erheblich verschlechtern.

6Ihre ersten Schritte im Überblick

  1. Bewahren Sie Ruhe und geben Sie gegenüber der Polizei nur Angaben zur Person.
  2. Vereinbaren Sie kurzfristig eine Erstberatung bei einem Strafverteidiger, persönlich oder telefonisch.
  3. Lassen Sie Ihren Verteidiger Akteneinsicht beantragen und warten Sie ab, bevor Sie sich äußern.
  4. Sichern Sie Chatverläufe, Fotos und Termine, die den Ablauf belegen können, aber löschen Sie nichts.
  5. Meiden Sie jeden Kontakt zur anzeigenden Person, auch über Dritte.
  6. Notieren Sie für Ihren Verteidiger in Ruhe den Ablauf aus Ihrer Sicht und geben Sie diese Notizen nicht weiter.

⚠ Vorsicht: Kontaktverbot und Haftgefahr

Schon wenige Nachrichten an die anzeigende Person können als Einflussnahme oder Bedrohung ausgelegt werden. Es kann ein gerichtliches Kontakt- und Näherungsverbot nach dem Gewaltschutzgesetz ergehen; ein Verstoß dagegen ist strafbar (§ 4 GewSchG). Bei schweren Vorwürfen kann außerdem Untersuchungshaft in Betracht kommen, etwa bei Flucht- oder Verdunkelungsgefahr (§ 112 StPO). Mehr dazu lesen Sie im Ratgeber Untersuchungshaft: Voraussetzungen, Dauer und Ihre Rechte.

7Falsche Verdächtigung und Gegenanzeige

Wer zu Unrecht beschuldigt wird, möchte sich oft sofort wehren – etwa durch eine Gegenanzeige wegen falscher Verdächtigung (§ 164 StGB). Das sollten Sie nicht auf eigene Faust tun. Eine Gegenanzeige kann voreilig sein, die Fronten verhärten und den Eindruck erwecken, Sie wollten die anzeigende Person einschüchtern.

Ob und wann rechtliche Schritte gegen eine Falschbeschuldigung sinnvoll sind, entscheidet der Verteidiger nach Auswertung der Akte. Häufig ist es der bessere Weg, zuerst den Vorwurf im Ermittlungsverfahren zu entkräften.

8Wie das Verfahren weitergeht

Nach Abschluss der Ermittlungen entscheidet die Staatsanwaltschaft über eine Einstellung, einen Strafbefehl oder die Anklage. Bei Zeugenaussagen in Sexualstrafverfahren kommt es zudem nicht selten zu einem aussagepsychologischen Gutachten. Welche Phasen ein solches Verfahren durchläuft, haben wir im Ratgeber Ablauf eines Ermittlungsverfahrens im Sexualstrafrecht beschrieben.

Häufige Fragen

Kann ich verurteilt werden, wenn es nur Aussage gegen Aussage gibt?

Ja, das ist rechtlich möglich. Das Gericht muss aber besonders sorgfältig begründen, warum es der einen Aussage glaubt und der anderen nicht. Gerade deshalb lohnt sich eine gründliche Analyse der Akte durch den Verteidiger.

Soll ich mich bei der anzeigenden Person entschuldigen oder das Gespräch suchen?

Nein, jedenfalls nicht auf eigene Faust. Eine Entschuldigung kann als Geständnis gewertet werden, ein Gesprächsversuch als Einflussnahme. Wenn ein Ausgleich sinnvoll ist, regelt das der Verteidiger geordnet.

Soll ich einer DNA-Probe oder der Auswertung meines Handys freiwillig zustimmen?

Nicht ohne vorherige Beratung. Eine freiwillige Zustimmung kann Schutzmechanismen wie den Richtervorbehalt entbehrlich machen und lässt sich später kaum zurücknehmen. Sprechen Sie zuerst mit Ihrem Verteidiger.

Erfahren Arbeitgeber oder Umfeld von dem Verfahren?

Ermittlungsverfahren sind grundsätzlich nicht öffentlich. Dennoch kann sich der Vorwurf durch Befragungen oder Durchsuchungen herumsprechen, und in bestimmten Fällen bestehen Mitteilungspflichten, etwa bei Beamten. Sprechen Sie vorab mit Ihrem Verteidiger darüber, wem Sie was sagen.

Diskrete Verteidigung im Sexualstrafrecht

Ein solcher Vorwurf braucht Ruhe, Erfahrung und absolute Vertraulichkeit. Wir sehen zuerst die Akte ein, bevor Sie sich äußern, und entwickeln mit Ihnen eine Verteidigungsstrategie. Eine erste Einschätzung erhalten Sie persönlich in unserer Kanzlei in Bochum oder telefonisch.

Mehr zu unserer Arbeit: Rechtsanwalt Strafrecht Bochum · Strafverteidiger in Bochum · Ratgeber-Übersicht und Straftaten. Dieser Ratgeber ersetzt keine individuelle Beratung im Einzelfall.

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